Zufallsbilder
2823 Hebbelplatz
Hallo Gast!
Benutzername:Passwort:
Beim nächsten Besuch automatisch anmelden?
→ Registrierung  → Passwort vergessen
→ Erweiterte Suche
Home → [09] Verschiedenes → Haltestellencollagen → Seemannsgarn am Rathausplatz - H&U-Collage #9


Bewerten:
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
  10 

Vorheriges Bild:



Brot, Wohlstand und Schönheit Ė H&U-Collage #10  
Seemannsgarn am Rathausplatz - H&U-Collage #9
Beschreibung: Was ist eigentlich Wesseling, wie stellt man es her und was macht man damit? Man k√∂nnte es ganz einfach so erkl√§ren dass die Stadt "BM" auf ihre Nummernschilder schreibt. Jeder Rheinl√§nder wei√ü nat√ľrlich dass BM f√ľr "Bereifte M√∂rder" steht wenn es um Fahrk√ľnste geht und f√ľr "Besser Meiden" in Bezug auf die damit gebrandmarkten Ortschaften als solche. Eingekeilt zwischen dem wilden Norden von Wesseling im Norden und dem wilden Norden von Bonn im S√ľden, auf drei Seiten umgeben von Gewerbe und Raffinerien und dem Rhein auf der vierten Seite. Eigentlich w√§re damit auch alles wesentliche gesagt, aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Zun√§chst mal die wichtigste Frage von allen: Wie kommt man hier weg?

Sollten Sie einmal falsch abbiegen oder in den verkehrten Zug einsteigen ist das Problem schnell gel√∂st, fahren Sie einfach wieder zur√ľck. Aber, was auch nachweislich passieren kann: Sie werden morgens wach, ziehen das klapperige Holzrollo ihres sch√§bigen Hotelzimmers hoch und beim Blick auf das was man hier eine Stra√üe nennt merken sie: "Ach du Moppelkotze, das is' ja... hier is ja... hier simmer ja in... Wesseling!" dann haben Sie ein Problem. In so einem Fall gilt dennoch zun√§chst die Devise "Ruhe bewahren!" Schon zu Weimarer Zeiten hat die Regierung um den Ernst genau dieser Situation gewusst. Dass die allererste Autobahn reichsweit ausgerechnet von K√∂ln nach Bonn verlief und Wesseling die einzige Auffahrt dazwischen war war alles andere als ein Zufall. Diejenigen, die sich heute noch immer nicht im Besitz eines Automobils befinden, bieten die Stadtwerke Bonn in notgedrungener Kooperation mit den K√∂lner Verkehrsbetrieben drei Haltestellen auf der Linie 16 an, um den Ort zu verlassen. W√§hrend es technisch auch m√∂glich ist, hier aus dem Zug auszusteigen, stehen an einigen Stra√üen Hinweise die von der Einfahrt nach Wesseling nicht nur abraten, sondern sie klar und deutlich verbieten.

Wer indessen von K√∂ln oder Bonn aus die Linie 16 nimmt, wird fr√ľher oder sp√§ter merken dass die Landschaft drau√üen von immer mehr "nichts" eingenommen wird. Das kann nur eins bedeuten: Hier ist bald Endstation, und wenn nicht das, dann ist was auch immer hier drau√üen versteckt gehalten wird entweder sehr wertvoll oder extrem gef√§hrlich. Dann ert√∂nt die Ansage der n√§chsten Haltestelle und man wei√ü welche der beiden Optionen zutrifft.

Schlu√üendlich gibt es auch den Rhein als Notausgang aus der Stadt. Die Schiffe der KD machen hier zwar - nur auf Anforderung - kurz fest, aber sie lassen sich das sehr teuer bezahlen. Streng genommen existiert auch noch die F√§hre hin√ľber nach Niederkassel-L√ľlsdorf. Aber dort hat man zum einen auch nicht viel gewonnen, und zum anderen gibt es ein Problem dabei. Sie wird von der L√ľlsdorfer Seite aus betrieben, und als Bemessungsgrundlage f√ľr die Fahrgastkapazit√§t nahm man die Passagiere von hier nach Wesseling, nicht umgekehrt. Rechnen sie also damit dass es eng wird auf dem B√∂tchen, oder schwimmen Sie einfach.

Theorien wie die Stadt entstanden sein k√∂nnte gibt es viele. Musterstadt des Bornheimer Architekturfreundeclubs "Pro Platte 1964 gr√ľn-grau e.V."; Konzentrationslager f√ľr D√ľsseldorfer und Bergheimer, die in K√∂ln oder Bonn ohne g√ľltiges Visum aufgefallen sind; Pilotprojekt zur Errichtung eines Gewalt-Erlebnisparks der anarchistischen Partei. Als wissenschaftlicher Mainstream gilt zur Zeit jedoch dies: Urspr√ľnglich befand sich an dieser Stelle die Quelle des Rheins. Er floss von hier in beide Richtungen: Wie heute auch noch in die Nordsee, und in die andere Richtung bergauf nach S√ľden bis ihm die Alpen im Weg standen, dort staute er sich zum Bodensee auf. Das ging damals noch, die Erdschwerkraft war noch eine ganz andere, sehr unausgewogen. Das genau zu erkl√§ren w√ľrde hier den Rahmen sprengen. Nur soviel, im Norden war sie so stark dass zum Decken der D√§cher nur Stroh in Frage kam, mehr h√§tten die Mauern nicht ausgehalten. Auch das dortige tiefliegende, v√∂llig bergfreie Land hat hierin seine Begr√ľndung.

Aber zur√ľck nach Wesseling. Damit der Fluss hier nicht austrocknete, musste das Wasser mit gro√üem technischem Aufwand aus dem Bodensee hierhin zur√ľck gepumpt werden. Der Name Wesseling (bis ca. 1650 Veteling) kommt von lat. vita, "das Leben". Der Fluss musste hier "wiederbelebt" werden. Auf die gleiche Weise entstanden flussnordw√§rts auch die Orte Wiesdorf, Wittlaer und Wesel. In Weeze versuchte man dasselbe, der Wasserwender war immerhin ein hochangesehener und gutbezahlter Berufsstand. Man bemerkte dabei jedoch zu sp√§t dass dort gar kein wendbarer Strom vorhanden war. Der Versuch den Holl√§ndern deshalb die Maas durch Umleitung zu stehlen h√§tte um ein Haar zum Krieg gef√ľhrt.

Das Personal das die Pumpen in Wesseling bediente, bildete schlie√ülich die Grundlage dass auch andere Menschen hier herzogen um sie zu versorgen - Bauern und, B√§cker, Schuster und Schreiner, Pfarrer und Lehrer, alles m√∂gliche. So entstand √ľber die Jahre ein St√§dtchen hier, es lie√ü sich einfach nicht vermeiden.

Mit der Industrialisierung nahm auch die Schiffahrt auf dem Rhein an Masse zu. Die Stromkehren waren dabei seit jeher ein Hindernis - schon f√ľr die Segelschiffe alter Zeiten. Im fr√ľhen Mittelalter geh√∂rten sie zu den gr√∂√üten Nicht-milit√§rischen Bauwerken die es gab. F√ľr die fr√ľhen Ketten- und Raddampfer waren sie kaum weniger ein St√∂rfaktor.

Zum Sinnbild und Klischee wie der Stahlkocher im Ruhrgebiet und der Senner in Tirol wurde f√ľr Wesseling daher ein ganz anderer, verglichen zum Wasserwender weit weniger sagenumwobener Beruf - der Treidler. Ihm ist das Denkmal auf dem Rathausplatz gewidmet und es illustriert auch wie Wesseling in der fr√ľhen Altdampfzeit erst richtig zu wachsen begann. In K√∂ln mit seinem Stapelrecht war man "schwer am sicke" wegen des Unfallschwerpunkts bei St. Goar, der ihm seit jeher die Einnahmen verhagelte. So sandte man um das Jahr 1800 herum eine Delegation aus um der Loreleyfee auf dem Berg einen Vertrag aufzuschwatzen, demzufolge sie f√ľr zuk√ľnftige Sch√§den aufzukommen h√§tte. Sie musste aus Geldmangel ablehnen und wurde unmittelbar vom mit gesandten Musketier erschossen - es waren eben raue Zeiten.

Aber die Rheinschiffahrt hatte nunmehr ein gro√ües Problem weniger. Die Schiffe wurden mehr und gr√∂√üer, und Treideln war ein Knochenjob. Und wenn so ein Kahn dann einmal hier hergeschleppt und an der Leinenwechselstation an der Stromkehre angelangt war, waren die Treidler dementsprechend entkr√§ftet. Sie erkannten nat√ľrlich sehr wohl wo sie hier waren und das man hier besser nicht sein sollte - Wesseling war auch damals schon Wesseling. Aber ersch√∂pft wie sie waren konnten sie einfach keine Kraft mehr aufwenden wieder wegzugehen und eine Abreise per Schiff war unerschwinglich; Autobahn und Linie 16 gab es noch nicht. So blieben sie also einfach dort.

Das Ende der Rheintreidlerei kam schließlich mit leistungsstärkeren Dampf- und später vor allem Dieselschiffen. Nicht wenige Treidler fingen in Folge dessen in einer der ortsansässigen Raffinerien an. Die Wasserwender waren zu dieser Zeit schon lange Geschichte. Spätestens mit der Begradigung des Flusses war ihr Berufsbild ausgestorben. Verbunden mit der Eröhung der Fließgeschwindigkeit war es nun zum ersten mal möglich den Rhein in einer einzigen Etappe von den Alpen zum Meer fließen zu lassen.

Im Wesselinger Stadtbild lebt ihre Zeit jedoch bis heute fort. Zahlreiche Umlenkgest√§nge und -rohrsysteme werden noch heute zu anderen, vornehmlich petrochemischen Zwecken verwendet, angeblich sind auch die √§ltesten Tanks der Raffinerie noch die selben in denen damals das Pumpwasser zwischengelagert wurde. Und nicht zuletzt wird das Rheinufer bis heute stellenweise von Gulli-artigen Gebilden mit Kontrollplattformen oder -h√§uschen ges√§umt, durch die das Wasser zur√ľck in den Fluss in die gew√ľnschte Richtung geleitet wurde.

Als Randnotiz der Geschichte setzte sich in K√∂ln damals eine Welle der Emp√∂rung und Best√ľrzung √ľber den Tod der Loreleyfee in Bewegung. "Oh n√∂√∂, dat √§rm Ding, dat wor doch su e lecker M√§dcher!"
Man gedenkt ihr in der Domstadt bis heute im Karneval. Sie wird dort - im Geiste sowohl des Stunks und des Prunks selbst eine Musketiersuniform tragend - durch das Funkemariechen verkörpert.

Eine Andere Legende besagt, der Name Wesseling wäre abgeleitet vom Treidler-Kommando "Wäßel de Ling!" - "Wechselt die Leine!" zu deutsch. Aber das ist mindestens genau so ein Unfug wie das da oben. Jedenfalls, man erkennt gleich: Wesseling ist immer wieder einer Reise wert, - ein Ort wo Geschichte genau so lebendig ist wie das Seemannsgarn der alten Wasserwender ;-)
Bildtyp/-art:
Schlüsselwörter: Wesseling Collage Moppelkotze
Datum: 23.04.2014 00:19
Hits: 1374
Downloads: 0
Bewertung: 10.00 (1 Stimme(n))
Dateigröße: 489.5 KB
Hinzugefügt von: Darth Sauron
Kommentare
Zeus18
Member

Registriert seit: 13.07.2013
Kommentare: 82
Klasse, einfach schŲn.
23.04.2014 05:59 OfflineZeus18
brot
Member

Registriert seit: 04.07.2005
Kommentare: 1202
Der Text ist genial, die perfekte Satire. Hab mich beim lesen kŲstlich amŁsiert.
25.04.2014 06:01 Offlinebrotstevengoodman at gmx.dehttp://www.youtube.com/user/JamesChakotay208309576
 Nächstes Bild:



Rechts bleibt links. Ė H&U-Collage #8